Irgendwie hatte ich in Erinnerung, dass in Avignon die Spatzen singen. Tun sie nicht. Sie piepen exakt so belanglos wie bei uns. Internationaler Spatz, könnte man sagen.

Dabei ist Avignon eigentlich eine hübsche, überschaubare Stadt mit schwerer Geschichte. Von 1309 bis 1377 residierten hier gleich sieben Päpste – weil die Römer mal wieder am Rad drehten und Stress machten. Ein Campingplatz liegt praktischerweise direkt an der Rhône, auf der anderen Seite der Stadtmauer. Nähe zur Geschichte, aber mit Sicherheitsabstand.

Was dem Besucher sofort ins Auge springt, sind die Preise. 3.850 Euro für 500 Milliliter Cognac – offenbar handabgefüllt von einem sehr alten Mann mit zittrigen Händen. Für geschmacklich herausfordernde Handtaschen wird es auch gerne fünfstellig. Und auf der berühmten halben Brücke zahlt man selbstverständlich vollen Eintritt. Vermutlich, weil dort der einzige Spatz Avignons steht und singt. Oder zumindest stehen sollte.

Dafür wirkt die Stadt selbst erstaunlich sparsam gepflegt. Am Papstpalast läuft das Regenwasser ungehemmt die Fassade hinunter und hinterlässt dekorative Moosspuren – eine Art Gratis-Patina. Regenrinnen? Offenbar Luxus. Das Geld für so profane Dinge steckt vermutlich in den Yachten von St. Tropez. Die sehen nämlich geschniegelt aus, geschniegelt wie Avignon es gern wäre.

Auch der goldenen Figur auf der Kathedrale Notre-Dame-des-Doms-d’Avignon fehlt beim genaueren Hinsehen erstaunlich viel Gold. Blattvergoldung auf Diät. Ich habe bewusst darauf verzichtet zu recherchieren, ob der Bürgermeister von Avignon eine Yacht in St. Tropez besitzt. Man will sich den Zauber ja nicht völlig zerstören.